Freitag, 15. April 2011

crossing the land / elles (3)

Am sonntag war Hella nicht zu erreichen.
ganze woche lang ging sie nicht ans telefon.

am samstag durfte ich wieder in die stadt, kaufte dort ein paar kleinigkeiten, studierte das programm im kino und  fuhr zu Hella.

sie machte lange nicht auf, ich wollte schon wieder gehen, doch dann drehte sich der schlüssel im schloß und die tür ging einen spalt auf. Hella zeigte sich nicht, ich hörte nur ihre stimme hinter der tür: komm rein.
sie sah schlecht aus, krank, gequält, verwahrlost, als lebte sie schon seit monaten verbarrikadiert in dieser wohnung, in diesem schlafanzug und dem dicken pullover. sie sagte:  - könntest du mir bitte eine flasche cognac holen? - das würd ich gerne machen, - antwortete ich, - aber lassen die mich?  - geh zum Pauls ins resto, sag es ist für mich.
ich hatte in der tat erfolg bei Pauls.
nach dem zweiten glas legte Hella sich auf die couch und wartete auf die wirkung.
zu hause war sie  seit mittwoch. oder donnerstag. so genau wusste sie es nicht. aber seitdem ging sie nicht mehr raus und sprach mit niemanden. sie hatte angst man würde sie suchen. und noch mehr angst hatte sie vor der polizei.
 vor einer woche lernte sie zwei kerle kennen und einer von den war polizist. sie bediente sie im restaurant, wobei Pauls kein geld von ihnen nahm und  klar machte, sie soll bitte auch möglichst nett zu den herren sein... sie flirteten ein wenig und luden sie zum picknick ein. altbekannte geschichte, aber diesmal ging der schuß nach hinten... sie fuhren sehr weit weg in den wald, so weit fährt sonst keiner. und es fing noch relativ  harmlos an, aber sie wusste, sie würden sie nicht gehen lassen, also versuchte sie, während die kerle noch am flussufer das fleisch grillten, in ihr auto einzubrechen und damit abzuhauen. wie man das ding ohne schlüssel zum laufen bringt, wusste sie von guten freunden, das wär kein problem gewesen, doch einer der typen war ihr gefolgt.. er zerrte sie aus dem wagen und fing an sie zu schlagen. dann ging die hölle los.
sie wurde tage- und nächtelang gequält und vergewaltigt, schlief auf der erde an einen baum gefesselt und die männer grillten weiter am ufer, tranken bier und kamen zu ihr wie man zum klo kommt um seine notdurft zu verrichten. sie zogen sie aus und verbrannten ihre sachen vor ihren augen - das war eine klare ansage, sie wusste, sie haben nicht vor sie länger als noch paar tage am leben zu lassen.
irgendwann bat sie um erlaubnis zum fluss hinunter zu gehen um sich "frisch zu machen". die kerle lachten sie aus, ließen sie aber. sie durfte sogar ihre handtasche mitnehmen - merkwürdigerweise blieb sie heil und sie hatten nicht einmal interesse dort reinzuschauen. einer von den beiden brachte Hella zum fluss, wie einen hund am langen strick angebunden. eine weile beobachtete er sie sehr genau, doch irgendwann widmete er sich wieder seiner zigarette und merkte nicht, wie Hella sich langsam zum gebüsch entfernte. in der tasche hatte sie eine nagelzange, damit konnte sie den strick durchtrennen. ausserdem trug sie immer bei sich einen grünen plastikregenmantel zusammengeknöllt für den fall, dass sie mal wieder irgendwo zu lange rumhängt und das wetter sich in der zeit plötzlich ändert... den nahm sie aus der tasche und schwamm davon. sie versteckte sich  unter den pflanzen, sie hörte später die kerle laut rufen und fluchen als sie nach ihr suchten. dann hauten sie  recht schnell ab, aber Hella blieb noch sehr lange in ihrem versteck und wartete bis spät abends als es endlich anfing dunkel zu werden. sie fand den weg zur strasse und versteckte sich wieder. sie liess die autos vorbeifahren und erst als sie einen laster kommen hörte sprang sie auf die strasse. der fahrer bremste nur um sie nicht zu überfahren, am liebsten wäre er direkt abgehauen. Hella machte einen furchteinflößenden eindruck, es war nicht zu übersehen, dass sie unter dem plastikponcho absolut nichts anhatte, es war leicht zu denken, was mit ihr passierte... sie flehnte den fahrer an sie mitzunehmen. er sagte sie soll sich auf den boden legen damit man sie bloss nicht sieht. in der vorstadt setzte er sie aus. aber von dort aus konnte sie an einer tanke eine freundin anrufen, sie brachte íhr etwas zum anziehen und begleitete nach hause. sie brachte ihr auch jeden tag etwas zu essen aus dem restaurant. und sie erzählte, dass zwei männer da waren, sie tranken kaffee und erkundigten sich nach der "hübschen brünetten kellnerin". sie bekamen zu hören sie sei krank und gingen dann wieder. nach adresse fragten sie nicht, diese hätten sie leicht selbst herausfinden können...
Hella trank das dritte und das vierte glas aus. ich nahm die flasche vom tisch, aber die war eh schon fast leer. und Hella war auch nicht mehr da, sondern irgendwo... sie schaute aus den ausdruckslosen augen, eingesperrt in unbeweglichem körper, schwer wie aus blei, und gegenüber sah sie ihre mutter, sie lag genauso flach und regungslos und schaute zu, wie die leute um sie herum weiter feierten und tranken, viele männer, lachten laut, liessen flaschen fallen, und einer von ihnen hatte die kleine Hella aufm schoß und sie durfte mit seiner brieftasche spielen... der alte Pauls...





Donnerstag, 14. April 2011

crossing the land / elles (2)

an dem abend wollten die mädels ausgehen. so was war natürlich nicht erlaubt und sogar gefährlich, aber wer kümmerte sich schon.. sie achten sich fertig, da kam evadan, bereits betrunken. wir wollten sie erst gar nicht mitnehmen in diesem zustand, aber sie wollte dann doch mitkommen.
wir haben uns dann herausgeschlichen, wie immer, durch das maisfeld.. solange es noch nicht ganz dunkel war, mussten wir aufpassen, dass uns keiner sieht. aber das war ja auch nichts neues. wir gingen oft an wochenenden zu dieser raststätte mit der bar. das war so der nächste erreichbare für uns ort, wo man typen treffen konnte, keine mitschüler, die spandierten einem was, es gab musik und tanzfläche..
ja, an dem abend erwarteten wir noch eine freundin, hella, sie war älter, arbeitete als kellnerin, aber sie kam nicht. doch wir haben drei nette jungs kennengelernt. einer schien kattina besonders zu mögen, aber der war fast um einen kopf kleiner als sie. das sah schon beim tanzen nicht besonders gut aus. aber als er uns dann nach hause begleiten wollte, wurde es noch tausend mal peinlicher. nicht nur dass er nicht im stande war uns zu beschützen - die reiter würden ihn töten oder zumindest krankenhausreif prügeln.. doch der ließ nicht locker, so dass katina sogar einen streit mit ihm anfangen musste. letztendlich wurden wir ihn los und sind dann nach hause. es war natürlich schon sehr sehr spät. wir wussten, dass etwas passieren konnte, aber dann waren wir doch irgendwie abgelenkt - wahrscheinlich wegen dem jungen - und haben die motore ein wenig zu spät gehört. jedenfalls mussten wir uns ganz schnell verstecken - wo? im kanal natürlich, im schilf. es war unerwartet tief, wir sind alle runtergerutscht, bis zu den schultern ins wasser, die hübschen klamotten natürlich alle hin, schuhe verloren..  aber sie haben uns nicht bemerkt! sind vorbeigefahren, 6 motorräder. wir überlegten noch, was wir tun sollten, ob die zurückkommen würden oder einen anderen weg fahren.. dann haben wir beschlossen, nicht mehr auf die starsse zu gehen, sondern direkt übers maisfeld zu laufen. dabei waren die pflanzen schon um einiges größer als wir und wir hätten uns verlaufen können, aber das war auf jeden fall besser, als von den kerlen erwischt zu werden.
gott sei dank irgendwann kamen wir an der schleuse heraus, am fluß.. im dorf war noch alles ruhig - die leute stehen ja bekanntlich sehr früh auf dort wegen ihrer kühe, aber nein, sie waren noch alle am schlafen, also war es noch nicht morgen.. es war vollkommen dunkel, erst am internat, am eingang zum wohnheim war ein lich und da haben wir uns in voller pracht gesehen... unsere klamotten, und haare.. es war schrecklich. wir wussten nicht ob wir lachen oder weinen sollten.. am meisten waren wir natürlich erleichtert darüber, dass wir es geschafft haben.. doch ein wenig zu früh. da stand plötzlich die betreuerin in der tür. und das war für uns fast genauso schlimm wie von der moto-gang erwischt zu werden. ihre dienstwohnung befand sich direkt neben dem eingang, vielleicht hörte sie unsere stimmen.. ihre wohnungstür stand halb offen - bevor sie sie geschlossen hat - und da hab ich es plötzlich gesehn, und evadan hat es auch gesehen, wir haben uns angeguckt und wir wussten es.. sie nahm uns mit in die gemeinschaftsküche. sie hat natürlich mit der prädigt angefangen, und wir sagten nichts, was hätten wir tun sollen.. sie musste natürlich wieder die gruselige geschichte wieder rausholen, die wir schon zig mal gehört hatten, von den ausländischen touristinnen, die spaß haben wollten, haben typen aufgegabelt, einer hatte ne peitsche am gürtel, sagte, er dressierte pferde.. dann fand man die frauen tot, ausgepeitscht, vergewaltigt, auch mit dem peitschengriff... damit wollte sie uns scheinbar zu vernunft bringen, aber die geschichte war echt schon alt. jedenfalls sagte die betreuerin so was wie: wollt ihr auch so etwas erleben? und evadan antwortete plötzlich: nein, sonst hätten wir uns nicht im wasserkanal versteckt und auch nicht quer durchs maisfeld gelatscht.. wir haben uns erschrocken, ich denke immer noch, es wäre besser in einer solchen situation den mund zu halten, aber evadan kann das schlecht. die betreuerin sagte etwas von verantwortung, und dem schuldirektor, und dass wir morgen um 10 zu ihr kommen sollten.. und da sagt evadan doch tatsächlich: ... eigentlich sind sie eine tolle frau.. wer hätte gedacht, dass sie mit diesem arschloch was hätten... heute nachmittag hat er direktors sekretärin gevögelt, und nachts schläft er also bei ihnen?.. lassen sie sich doch nicht verarschen! ich lass mich auch nicht verarschen, werder vom direktor, noch von jemand anderem. ich weiß, dass niemand uns rauswerfen wird, es passiert überhaupt nichts hier, nie!.. dann haben wir uns auf sie gestürzt, damit sie die still ist, wir dachten, sie macht alles nur noch schlimmer. und die betreuerin war ganz blass und sagte nichts mehr. und ging einfach. wir konnten es nicht fassen. wir haben noch evadan geschüttelt, aber sie kam richtig in rage: ich habs satt! sie sollen uns in ruhe lassen! ich will duschen!
und wir gingen dann duschen und schlafen.
am morgen haben wir verschlafen - ich erinnerte mich, die betreuerin wollte uns um 10 sehen. wir liefen direkt runter, aber die betreuerin war nicht da. es war kurz nach 10, eigentlich hätte sie da sein müssen.. wir saßen bis 12 in der küche und warteten. dann gingen kattina und ich zur kantine - mit töpfen und tellern, und holten suppe, brot und salat. als wir zurückkamen, saß evadan auf der fensterbank und rauchte. wir schimpften, wir hatten immer noch angst. um zwei sagte evadan, sie hätte keine lust mehr zu warten, sie geht. wir versuchten sie zu überreden.. sie verscwand dann im garten, aber wir gingen dann auch bald nach oben ins zimmer. gegen sechs kam evadan aus dem garten - sie lag dort wohl in der sonne, sah aus wie eine urlauberin - und sagte, die betreuerin sei wieder da. wir sprangen auf. - seit wann denn? das sagst du uns erst jetzt? sie sagte: ganz ruhig, sie kam gerade erst wieder.
dann gingen wir zu ihr. und die war kaum wiederzuerkennen. so gut gelaunt, unbekümmert.. sie sagte: ach ihr seids, kommt rein. sie trug so ein schönes sommerkleid an mit offenem rücken, und sie hatte noch ihre sandalen an.. ich glaube, so sah ich sie zum ersten mal.und ihr haar.. normalerweise war es im einfachen knoten zusammengebunden, aber diesmal - ganz kunstvoll um den kopf geflochten zu einer art krone..  es war faszinierend. ich glaube, sie hat für eine weile selbst vergessen, was sie von uns wollte, aber dann fiel es ihr wieder ein. doch sie lud uns ein auf ihre coch und sagte, dass sie nicht mehr vorhabe irgendwelche moralprädigten zu halten. sie sagte: wir sind alle erwachsen. schlimm genug: jederzeit kann irgend so ein arschloch kommen und euch weh tun. wozu sich dann noch gegenseitig fertig machen?
ja, das sagte sie. und dann holte sie gläser heraus und wein. und evadan fragte: sagen sie, haen sie sich selbst die haare so gemacht?
und sie antwortete: nein, das war eine gute freundin, die ich heute besucht habe.

apropos freundin..