Freitag, 9. September 2011

Ewiger Sommer

gewidmet http://www.heomira.com/self-portrait.htm



Hinter dem Industriegebiet lagen die Gärten der Städter und daneben befand sich ein Friedhof. Es  hat ca vor einer Stunde geregnet und die Wolken haben sich noch nicht verzogen, trotzdem stand in
einem der Gärten ein gedeckter Tisch und fünf Menschen saßen daran. Dies schien jedoch kein fröhliches Beisammen zu sein, sie schauten ernst und redeten kaum miteinander. Da kam aus dem nassen Grünzeug eine junge Frau auf sie zu. Sie entschuldigte sich höflich und bat
um etwas zu trinken. - Setzen Sie sich zu uns, - sagte der Gastgeber, - Wir gedenken heute alle gemeinsam unseren verstorbenen Großvater. Er war ein nicht besonders glücklicher Mann. Vertragen Sie vielleicht auch etwas Stärkeres? - Nein, danke, ich habe einfach nur Durst, Wasser würde vollkommen reichen.- sagte die Frau. - Dann probieren Sie doch mal unseren Kompott, Feva hat ihn gemacht. - Darauf nickte eine der Frauen kurz. Die junge Fremde bekam einen großen Becher mit klarem orangefarbenen Kompott. - Möchten Sie vllt auch etwas essen? Wo kommen Sie her? Sind Sie an der Bushaltestelle ausgestiegen? Die junge Frau sagte nicht Nein zum Essen. Auch wenn es ein Traueressen war, sie hatte großen Hunger. Sie beantwortete nicht sofort alle Fragen, zuerst lobte sie das Essen und bedankte sich dafür. Dann sagte sie: - Ich komme aus der Stadt. Der Bus ist unterwegs kaputtgegangen, aber das war nicht so schlimm, denn ich war der einzige Fahrgast darin. Weil es regnet, bleiben die Leute
zuhause statt zu ihren Gärten zu fahren. - Ja, da sind wir wohl eine Ausnahme, - sagte eine Frau am Tisch, - aber wir haben ja einen besonderen Anlass, diesen Garten hat unser Großvater angelegt und
gepflegt. Deshalb mussten wir uns heute hier versammeln. Ich hoffe, Sie sind unterwegs nicht nass geworden?? - sie sah die Kleidung der jungen Frau genauer an, aber diese war vollkommen in Ordnung und absolut trocken, genau wie ihr Haar. - Nein, nein, deshalb habe ich ja beschlossen zu Fuß zu gehen, weil es gerade aufgehört hat zu regnen. Sie aßen eine Weile im Stillen, da fragte ein Mann: - Wie heißen Sie denn? - dann merkte er, dass junge Fremde gerade etwas kaute, lächelte verlegen mit zusammengekniffenen Augen und stellte
zunächst sich selbst vor und die anderen, die am Tisch saßen, sie waren seine Geschwister, und zwei Frauen – seine Kusinen. Als die junge Frau aufhörte zu kauen, dachte sie noch eine Sekunde lang nach, schaute auf ihr Teller und sagte dann endlich: - Ich heiße Heo Fey. Da sprang eine der Kusinen fast vom Stuhl auf, als hätte sie einen Stromschlag bekommen: - Ich habe von Ihnen in der Zeitung gelesen!.. Ich habe Sie aber nicht erkannt!.. Sie machte große Augen und blähte sich auf vor Entsetzen, doch die anderen, die anscheinend
nichts wussten, beruhigten sie. Sie erschienen alle sehr entspannt und geduldig. - Ich habe mein äußeres geändert, - sagte Fey Heo,- damit man mich eben nicht sofort erkennt. Ich habe mir die Haare abgeschnitten, andere Kleidung angezogen, etwas, was ich sonst nie trage... – Aber … Aber Sie werden von Polizei gesucht!? - kochte die Kusine wieder auf. - Nicht nur von Polizei, - sagte Heo. Die Kusine war einen Moment lang sprachlos, sie machte einen großen Schluck aus ihrem Glas, dann fuhr sie fort: - In der Zeitung stand, Sie hätten einen Mann getötet!.. Sind Sie eine Mörderin?? - der Gastgeber zischte auf seine Kusine, die anderen schauten ihn schon ein wenig beunruhigt an, beherrschten sich aber gut. - Dieser Mann ist meinetwegen gestorben, ja, aber ich habe ihn nicht getötet. - sagte Heo. - Können sie es denn beweisen?? - Schsch! Nicht so laut, Foya! Wenn sie es beweisen könnte, müsste sie sich doch gar nicht verstecken!- sagte der Gastgeber. - Nun, - sagte die Frau zu Heos rechten, ohne sie direkt anzuschauen – Ich hoffe, Sie verstehen, dass wir Ihnen nicht groß helfen können. Essen, Trinken, vllt können wir Ihnen etwas Geld geben, aber alles andere liegt doch bei Ihnen... - Das weiß ich natürlich sehr gut, - Heo drehte sich auf dem Stuhl zu ihr – Ich erwarte gar nicht mehr. Ich kam eigentlich nur weil ich Durst hatte und das Wasser zum Gießen ist nicht zum Trinken geeignet. - Warum vertrauen Sie uns? - die Frau hob Ihren Blick, - Sie hätten sich wenigstens einen falschen Namen ausdenken können... - Sie sind anständige Menschen, - Heo lächelte sanft, - Sie tun Gutes ohne sich einzumischen. Sie können einem helfen ohne über ihn zu urteilen. - Sie kennen uns doch gar nicht,- die Frau schaute sie leicht verwundert an. - Doch, sagte Heo, so etwas sehe ich sofort.In diesem Moment fielen ein Paar große schwere Tropfen auf den Tisch, dann fiel einer in den Becher mit Kompott, so dass ein Spritzer davon auf der Tischdecke landete, und erst als die
Anwesenden die immer häufiger werdenden Regentropfen auf ihren Gesichtern spürten, kamen sie wieder zu sich, sprangen auf und fingen an hektisch das Geschirr zu sammeln. - Nein, nein, - schrie
der Gastgeber, - tragen wir lieber den Tisch auf die Veranda! - Sie fassten den Tisch an den Kanten und trugen ihn vorsichtig zum Gartenhäuschen, drei Stufen hoch auf die überdachte Veranda, die
allerdings so klein war, dass der Tisch gerade mal so darauf passte, aber man konnte sich nicht mehr daran setzen. Die Stühle wurden im Häuschen in der Ecke aufeinandergestapelt und die Gäste standen nur in der Tür, schauten nach draußen, wo es nun heftig regnete, Frauen brachten ihre Kleidung und Frisuren wieder in Ordnung. Langsam beruhigten sich alle, man bediente sich nun am Tisch wie an einem Buffet und aß im Stehen. - Ich wusste, dass es wieder regnen wird! - sagte Foya,- aber ich habe gehofft, dass es Abends passiert und wir in Ruhe zu ende essen können!.. Der Gastgeber, ein Mann in den 30ern, der sich vor kurzem als Hen vorstellte, kam näher zu Heo.
Er lächelte fast immer verlegen-schüchtern. - Foya, - sagte er leise, - sie braucht immer etwas, worüber sie sich aufregen kann. Jetzt ist es eben das Wetter... Heo lächelte zurück. Einige große kalte Tropfen waren ihr in den Ausschnitt gefallen und jetzt wurde ihr deswegen kalt, sie versuchte das Regenwasser mit der Hand wegzuwischen, Hen schaute automatisch hin und wunderte sich, wie klein und schmächtig die junge Frau war, die nasse weiße Haut schien fast durchsichtig, man konnte an der Brust nicht nur die Schlüsselbeine und Rippen sehen, sondern auch das dahinter schlagende Herz, so glaubte er... Dann bemerkte er, dass sie ihn
auch anschaute, wurde rot und wendete sich schnell ab. Mehr zur Ablenkung von diesem peinlichen Moment, weniger aus Neugier fragte er: - Was haben Sie nun vor? Wollen Sie den nächsten Bus nehmen und weiterfahren? - Ich werde die Nacht irgendwo hier verbringen, in einem der Häuschen, - sagte Heo,- Morgen früh gehe ich zum Werk und leihe mir ein Auto vom Parkplatz. - Wie „leihen“? - Hen schaute sie wieder an, - Kennen sie dort jemanden? - Jein... Ich habe dort
früher auch mal gearbeitet.. Aber keiner dort würde mir sein Auto einfach so leihen, natürlich.. Bloß dort ist es weniger gefährlich als in der Stadt ein Auto zu stehlen. Viele parken etwas abseits vom
Parkplatz, um ihren Chefs nicht in die Quere zu kommen und um Abends schneller hier rauszukommen, lassen manche ihre Autos direkt hier, vor den Gärten, ich kenne das... Hen nickte verständnisvoll. Dann sagte er ganz leise: - Nehmen Sie mein Auto, ich bin zzt arbeitslos
und brauche es nicht unbedingt, und Sie brauchen nicht bis morgen zu warten... - Danke, - sagte Heo, - aber heute patrouilliert häufiger die Polizei auf der Strasse wegen den Sonntagsfahrer. Morgen früh ist es sicherer, sie wollen nicht den Berufsverkehr stören. Hen nickte wieder. Eine Weile sagten sie nichts und schauten nur zu, wie der Schauer die Gartenpflanzen auspeitschte. Dann fragte Hen: - Frau Heo, Sie sagten doch, Sie hätten Ihr Äußeres verändert, damit sie keiner erkennt... Wie sahen Sie denn früher aus?Heo lächelte. - Sie haben wohl nicht mein Foto in der Zeitung gesehen? Nun, wie schon erwähnt,ich habe eine Weile im Werk gearbeitet, und zwar nicht als Führungskraft oder Sekretärin, - sielächelte wieder,- dementsprechend sah ich auch aus... Ich trug Jeans, Sportschuhe, Kapuzenpullis,einen Rucksack statt Damentasche... Ich hatte lange Haare, ziemlich ungepflegt... Unauffällig, wieviele andere Arbeiter, das wäre eigentlich der bessere Look zum untertauchen... Aber so kanntemich jeder und deshalb musste ich das ändern. - Jaaa, jetzt sehen Sie wie eine vornehme Dameaus... Das steht aber Ihenen sehr gut! Wo haben Sie die Kleidung her?In dem Moment donnerte es laut, Kusine Foya rief: - Ach du meine Güte, das wird ja noch ein richtiges Gewitter!.. Hoffentlich ist mein Sohn zu Hause und hat dort alle Fenster zu! Dann erinnerte sich jeder an sein eigenes Zuhause und ob dort ebenfalls die Fenster zu waren. Heo fragte nach dem Waschraum, Hen erklärte, wie sie dahin kommt. - Eh.. Das ist aber ganz klein und unbequem, wie alles hier... Ah, kann sein, dass dort noch kein Handtuch hängt, nehmen Sie bitte ein paar Servietten mit... Entschuldigen Sie bitte...Als Heo sich entfernte, kam Hens Schwester zu ihm und sagte leise: - Hen, du bist sehr zutraulich.
Sie ist nett, aber immer hin wird sie von der Polizei gesucht. Wenn sie rauskriegen, dass sie hier war und wir nichts unternommen haben... Wir kommen wirklich in Schwierigkeiten. - Sie muss hier
übernachten, - sagte Hen. Die Schwester verdrehte leicht die Augen. - Das ist dein Garten, Hen, mach, was du willst. Aber hast du sie gefragt, WER sie sonst noch sucht, außer der Polizei? Wer war der getötete oder der verstorbene Mann? Hatte er was mit Mafia zu tun? - Was geht mich das an? Ich werde sie nicht ausfragen. - Hen schaute weg. Die Frau legte ihren Arm um seine Schulter. - wenn du glaubst, diese Frau mag dich, dann irrst du dich. Im schlimmsten Fall nutzt sie dich aus. Im besten Fall ist ihr alles egal. Wie es uns allen sein sollte. Aber dir ist es nicht egal, nicht wahr? - Lass mich, - sagte er, - Sie kommt gleich wieder. Wir sollten nicht über sie hinter ihrem Rücken reden. Die Schwester nahm ihren Arm weg. - Wie du meinst. Wenn das Wetter sich beruhigt hat, fahren wir wieder. Das war leider kein besonders schöner Gedenktag dieses Jahr. Es regnete nicht sehr lange. Schon bald fingen die Gäste an aufzuräumen, das Geschirr und das Restessen zurück in ihre Autos zu tragen. Hen sprach wieder mit Heo. - Sie können hier gerne übernachten, Frau Heo, hier ist zwar kein Bett, aber ein Sofa. Wir werden noch für Sie etwas Essen da lassen. Ich denke Reis und Fleischröllchen halten sich am besten... Und natürlich der gute Kompott! Ein Paar Flaschen mit Limonade lasse ich auch da... Heo lächelte höflich, die ganze Zeit über blieb sie immer gleich, unaufgeregt und zurückhaltend,
außer Hen schien keiner mehr ihre Anwesenheit wahrzunehmen. Er verabschiedete sich von Ihr und ging als letzter. Er berührte dabei kurz ihre Hand und sagte: - Sie... Sie können jederzeit hierher
kommen. Ich.. Ich glaube, Sie sind ein guter Mensch, ich glaube, Sie sind unschuldig. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Er ging schnell weg zu seinem Auto, er gab sich Mühe, sich zu beherrschen und sich nicht
umzudrehen, doch am Steuer sitzend schaute er einmal noch hin. Er fuhr schon los, deshalb sah er nicht viel, nur für einen kurzen Moment – die schmale Figur im breitschultrigem Sakko und kurzem
Rock, ein freundlicher ruhiger Blick, wie eine alte Bekannte...
Als die Autos weg waren, blieb Fey noch eine Weile auf der Veranda stehen, dann zog sie ihre Schuhe aus. Die Absätze waren zwar nicht sehr hoch, trotzdem fühlte sie sich besser ohne. Im Häuschen war es nun ganz eng, nachdem der Tisch dort auch hineingetragen wurde. Und dunkel war es auch, die Sonne kam nicht mehr herraus, das zerstreute Tageslicht kam kaum durch das kleine Fenster und die Tür hinein. Dann ging sie in den Garten. Dieser war ziemlich groß und wild, die
Sträucher wurden wohl nie oder nur selten geschnitten, sie waren dicht und hoch, sie musste die Zweige beiseite nehmen um voranzukommen, schnell wurde ihre Kleidung nass von den herunterfallenden Tropfen. Die Wege waren mit Steinen gepflastert, deshalb hatte sie keine Angst, Fußspuren zu hinterlassen. Weiter im Gebüsch war die Luft ganz schwer, wie in einem Treibhaus. Fey sah den Zaun und wollte schon umkehren, doch dann entdeckte sie im Grünzeug eine alte Schaukel. Sie lief dahin, wie ein kleines Mädchen, streifte das Wasser vom Sitz weg, setzte sich schnell und erschrak, als die Halterungen ganz laut quietschten. Die Schaukel wurde wohl schon seit langem nicht mehr benutzt und deshalb auch nicht geölt. Fey horchte hin, doch alles war still, die Nachbargärten waren leer und es gab auch niemanden auf der Strasse, deshalb dachte sie, sie könnte es sich erlauben, ein bisschen quietschtend zu schaukeln. Die Leute feierten hier den
Todestag ihres Großvaters. Fey dachte an ihren Großvater, er lebte damals auf dem Land und hatte einen großen Garten mit Bienenstöcken, und er hat für sie auch eine Schaukel gebaut, als sie klein war – er starb, als sie 17 war, sie konnte nicht dabei sein, sie war auch noch nie an seinem Grab, deswegen war ihr nie richtig bewusst geworden, dass er nicht mehr da ist, sein Tod war fiktiv, SIE hatte das Gefühl, dass er irgendwo irgendwie weiterlebt... Vielleicht sogar in demselben Haus, sie hatte ja bis jetzt keine Möglichkeit es zu überprüfen. Obwohl genau jetzt könnte es genau der richtige Zeitpunkt dafür sein – in dem Dorf, wo er lebte, liest man keine Zeitungen, die erschöpften Bauern gucken abends schnulzige Serien und höchstens mal die Nachrichten, aber so groß und bedeutend war der Vorfall doch nicht, dass man darüber auch noch im Fernsehen berichten würde... Sie könnte also dort vorbeifahren und nach dem Haus schauen ohne das Risiko, aufzufliegen. Der Onkel, der den Großvater in seinen letzten Tagen pflegte, schloß wohl alles ab und zog in die Stadt, soviel erfuhr man aus den Briefen, die er Feys Mutter ab und zu schrieb. Er wollte das Haus verkaufen, war sich aber nie sicher, ob es in der Stadt „klappt“, jedes Mal, wenn er die Arbeit verlor, kehrte er zurück ins Dorf, hieß es, deshalb war es ganz nützlich, das Haus solange noch zu behalten...
Plötzlich hörte Fey das Rascheln der Räder auf dem Steinweg draußen und ein Motorgeräusch und hörte sofort auf zu schaukeln. Das Auto hielt direkt vor dem Garten. Fey dachte nur an die Schuhe auf der Veranda – im Haus lag noch ihre Tasche, aber die Schuhe konnte man sofort sehen... Jemand stieg aus, Fey stand auf und ging leise ins Gebüsch. - Frau Heo! - rief Hen leise – sind Sie noch da?
Sie kam wieder heraus und gab sich zu erkennen. Er kam schnell zu ihr rüber. - Haben Sie etwas vergessen?- fragte sie. - Nein... Nein, ich... entschuldigen Sie, ich mache mir zu viele Sorgen, wenn ich Sie allein lasse... manchmal kommen auch Hooligans hierher, zerschlagen Fenster, machen etwas kaputt... Meine Nachbarn haben mal erzählt, wie sie einen Landstreicher aus ihrem Gartenhäuschen verjagen mussten... Also diese Gärten sind kein wirklich sicherer Ort für eine Frau wie Sie... - beim Sprechen brach und drehte er einen dünnen Zweig und wirkte immer noch sehr verlegen und unsicher. - Sie wollen mich beschützen? - lächelte Fey. - Ja, nein, na ja.. Ich sehe zwar nicht aus wie ein Bodyguard oder Türsteher, - er lächelte auch, - aber ich denke, es ist schon ein wenig sicherer, wenn ich bei Ihnen bleibe. Wissen Sie, ich wohne allein, ich bin nicht verheiratet und niemand weiß, dass ich jetzt hier bin. Niemand wird Sie verraten. - Und wie lange wollen Sie hier bei mir bleiben? Bis ich weg bin? - Ja, ja... Dann kann ich beruhigt sein, dass Sie
gesund weggefahren sind... Sie können wirklich auch mein Auto nehmen, ich habe erst heute vollgetankt, und ich werde nicht so schnell eine Anzeige erstatten.. Wenn überhaupt.. – Sie sind wirklich sehr nett, Hen. Wenn Sie immer so nett sind, könnten böse Menschen das ausnutzen. - Aber Sie würden es niemals tun, Frau Heo! - Nennen Sie mich doch Fey.
Hen schaute nach unten. Da fielen ihm ihre nackten Füße auf. - Wo sind denn Ihre Schuhe? Sind sie unbequem? - erriet er, - Und Ihre Kleidung ist auch ganz nass geworden... Leider habe ich keine Frauenkleidung da. - Ich werde sie zum Trocknen aufhängen, wenn wir schlafen gehen, - sagte sie. Der Abend war lang, es dauerte ewig, bis es richtig dunkel wurde. Feys Rock lag auf einem Stuhl,
ihr Sakko hing auf der Lehne und sie selbst saß auf dem alten Sofa mit angezogenen Beinen,eingewickelt in eine Decke. Hen saß auf einem anderen Stuhl, auf dem Tisch stand eine fast leere Flasche Schnaps – als er sie herausholte, war sie halbvoll. Sie redeten schon wie alte Freunde, er stellte keine unangenehmen oder unnötigen Fragen, vielmehr erzählte er.
Morgens, als es kaum hell wurde, wachte Fey ganz plötzlich auf, setzte sich schnell auf und starrte eine Weile auf das Insektennetz im Türrahmen, das sich im leichten Wind langsam bewegte. Hen schlief im Sitzen, sein Kopf lag auf der Tischplatte hinter der leeren Flasche. Doch irgendwie bemerkte er die Bewegung und wurde auch wach. - Ist was? - fragte er, - Hast du schlecht geträumt? - Nein, - sagte Fey, und lächelte, - Im Gegenteil, ich habe gut geträumt. - Ach ja? Was hast du denn geträumt?
Sie lehnte sich nach vorne und holte Luft. - Mein Vater war ein Fotograf, er fotografierte Models für Zeitschriften. Das habe ich aber nicht geträumt, das ist wirklich so. Ich habe aber geträumt, er hätte mich mit zu einer Session mitgenommen. Er hatte ein schönes Model mit dabei, sie sah europäisch aus. Wir fuhren lange mit dem Auto an einem Strand entlang, das Wetter war wunderschön... wir
verbrachten viel Zeit an einem Ort, wo wir dieses Model fotografierten und er brachte mir Sachen bei... Irgendwann spürte ich, dass das Model in meinen Vater verliebt war, und sie war auch noch eifersüchtig – auf mich! Ich verstand das nicht, ich sagte zu ihr: was willst du von mir? Ich bin doch seine Tochter! Aber sie ließ mich nicht in Ruhe, sie quälte mich... Dann beschloß ich wegzulaufen. Das war als wir uns bereits auf den Rückweg machen wollten, ich sagte, ich gehe spazieren, und die Schöne sagte, sie würden mich da und da abholen. Ich ging und dachte nur: nirgendwo werdet ihr mich abholen! Ich irrte durch die Strassen, überlegte, wie ich möglichst schnell möglichst weit weg von da komme... Irgendwann hatte ich sogar einen Hund dabei, zuerst folgte er mir einfach so, dann nahm ich ihn an die Leine... Ich traf auf andere Leute mit Hunden... Und dann plötzlich... da gingen Pferde auf mich zu! Sie gingen die Strasse entlang, eines nach dem anderen, ohne Menschen, als ich mich umdrehte, waren sie schon ganz nah, sie hätten beinah auf meine Füße getreten... Sie waren... riesig, wie Elefanten! Mit langen wehenden Mähnen bis zum Boden... Sie gingen dicht an mir vorbei und sie waren.. wie Fabelwesen.. wie aus einer anderen Welt!.. Ich sah ihre Augen und jedes einzelne Härchen ihres Fells – und ich habe alles andere vergessen. Alles wurde unbedeutend und alle meine Sorgen waren weg.. Sie haben mich davon befreit. Verstehst du?..
Hen nickte und schwieg eine Weile. Dann sagte er, wie immer mit seinem verlegenen Lächeln: - Dein Vater sollte lieber dich fotografieren, dann bräuchte er keine zickigen Models mehr.
Fey senkte kurz den Kopf. - Mein Vater ist tot. Er ist bei einem Unfall erblindet, wollte aber nicht als Blinder weiterleben, deshalb hat er Selbstmord begangen.
Sie warf die Decke weg und zog sich schnell an. Hen wuschelte mit den Händen durch die Haare. - Willst du schon fahren? - fragte er. - Je früher ich mich unter die Pendler mische, desto länger kann ich fahren, - antwortete sie. Er sprang munter und entschlossen auf. - Fey, nimm mich mit!

***
Sie verbrachte den ganzen Tag am Steuer, er nickte immer wieder ein am Beifahrersitz, wachte auf,nickte wieder ein, und fragte gar nicht, wohin sie fuhren. Gegen Abend sagte er, es wäre nicht schlecht, ein Hotel zu finden. - Weiß gar nicht, ob es hier so etwas gibt, in dieser Gegend... - Halt mal dort an der Tankstelle an, ich laufe schnell rüber und frage...- sagte er.
An der Tankstelle erklärte ihm der junge Wärter: - Da müssen Sie schon näher zu der Stadt fahren, hier mitten in der Steppe gibt es natürlich keine Hotels. Halten Sie sich mal an diese Straße. An der Einfahrt in die Stadt fanden Sie tatsächlich ein kleines Hotel. Es sah ziemlich leer aus, hiesige Bevölkerung war wohl zu arm, um in einem Hotel zu übernachten, lieber schliefen sie bei Bekannten und Verwandten, nur ganz fremde verirrten sich manchmal hierher. - Vielleicht sollten wir besser die Plätze tauschen, - sagte Hen, - eine Frau am Steuer, ich weiß nicht, wie das hier so ist...
Fey hielt am Straßenrand an, er stieg aus und sie rutschte auf den Beifahrersitz. Dann fuhren sie weiter zum Hotel.
-Guten Abend, verehrter Herr, mein Name ist Jin Hen und das ist meine Frau Jin Fey, wir brauchen ein Zimmer für heute Nacht.
Der alte man an der Theke begrüßte sie häufig nickend und mit einem freundlich-komplizenhaften Lächeln. Durch das Fenster konnte er ihr Auto sehen, das einzige vor dem Hoteleingang. - Warum tuen Sie sich so etwas an? So ein langer Weg mit dem Auto! Wäre es nicht viel bequemer, mit dem Zug zu reisen? - Eh, ja.. - sagte Hen verlegen, - Nicht so ganz... Wir wollen die kranke Mutter meiner Frau besuchen, sie wohnt hier in der Nähe... Wir sind eigentlich schon fast da, aber wir wollen nicht mitten in der Nacht dort aufkreuzen, Sie verstehen... Wir werden nicht erwartet.
Der alte Mann nickte und lächelte weiter. - Sie bleiben also nur für eine Nacht? Können Sie direkt bezahlen? - Ja, natürlich, - Hen holte schnell sein Portemonnaie heraus. Während er das Geld abzählte, schielte der Hotelbesitzer zur Fey, die sich auf Abstand hielt und irgendwelche Plastikblumen betrachtete oder nur so tat. - Sie sollten sie besser wirklich heiraten, lieber Herr, - sagte er, - sehen Sie nur, was für Engelsaugen sie hat. Brechen Sie ihr nicht das Herz, hören Sie auf mich.
Hen schaute ihn überrascht an, wurde dann rot und stotterte eilig: - Wir... wir sind doch...verheiratet...
Der alte Mann nickte wieder drei oder vier Mal und gab ihm den Schlüssel heraus.
Hen versuchte seine Verwirrung möglichst schnell zu unterdrücken. Sehe ich aus wie ein frustrierter Kleinangestellter, der mit einer Jungeren durchbrennt und sich mit ihr in den Vorstadthotels versteckt? - dachte er. Fey bemerkte seine Ratlosigkeit. - Was hat er denn gesagt? - fragte sie. - Nichts besonderes... Ach, er will nicht glauben, dass wir verheiratet sind. - Ach so, - sie lächelte. - Weißt du, - sagte Hen, - ich denke, ich sollte meine Schwester anrufen... Sie ruft mich manchmal abends an, und wenn ich nicht rangehe... nicht dass sie auf dumme Gedanken kommt und womöglich noch die Polizei benachrichtigt.. Ich werde ihr nichts sagen, nur dass ich für ein paar Tage weg bin oder so... Warte du hier, ich schaue draussen, da muss ein Münzautomat stehen. Fey blieb allein im Zimmer. Die Deckenleuchte ging nicht. Sie machte die kleine Lampe am Bett an. Und legte sich gleich hin. Sie fühlte sich wohl und müde. Nach einer Weile kam Hen wieder, er hielt eine Papiertüte in der Hand. - Weißt du, - sagte er,- da war ein Imbiß um die Ecke, sie hatten Reis mit Hähnchen, und ich dachte, es wäre nicht schlecht, sich zu stärken... Von Fey kam jedoch keine Antwort. Dann sah er, dass sie bereits schlief.
Am Morgen aß sie kalten zusammengeklebten Reis und versuchte die Knitterfalten an ihrem Sakko zu glätten. - Warum hast du mich gestern nicht geweckt? Ich bin in der Kleidung eingeschlafen. Was wird der gute alte Mann da unten denken, wenn er mich so sieht?
Dann lachte sie gut gelaunt. Hen selbst hatte sein Hemd und seine Hose sorgfältig auf dem Bügel aufgehangen. Dagegen sah er unausgeschlafen und zerknittert aus. Er wusch sich schnell in dem
engen Badezimmer am winzigen Waschbecken. Kurz danach brachen sie wieder auf. Hinter der Stadt überließ Hen wieder Fey das Steuer. Sie war voller Energie und Elan, sie wusste wohl, dass sie fast am Ziel waren.
An dem Tag kamen sie tatsächlich an.
Es war eine kleine alte Lehmhütte mit  flachem Schifferdach, mit einem verwilderten Garten, irgendwo am Rande eines kleinen Dorfes mitten in der Steppe. Am Horizont sah man die Berge. Das Haus stand auf einem Hügel, unter dem ein kleiner fast ausgetrockneter Fluß oder ein Bewässerungskanal verlief. Fey lehnte sich über den Zaun und machte von innen eine kleine Tür auf. Sie schaute durch den Schlitz in den Briefkasten. Dann zog sie drei Briefe heraus. - Heo Jun, - sie zeigte Hen einen Umschlag, - das ist mein Onkel. Manchmal lebt er hier. Aber im Moment ist er wohl nicht da. Oh! Ein Brief von meiner Mutter! - sie machte einen Brief auf und fing an zu lesen. -
Du liest einen Brief von deiner Mutter an deinen Onkel? - fragte Hen verwundert. - Ja, - antwortete Fey nur kurz. Sie überflog den Brief eigentlich nur, erfuhr wohl nichts neues daraus, und ging schnell zum Haus. Es gab keine Schlösser an der Tür, die Ausstattung war aber auch sehr bescheiden, es käme wohl kaum jemand auf die Idee, dort etwas zu stehlen. Alles war mit Staub bedeckt. - Ich dachte, ehrlich gesagt, dieses Haus existiert nicht mehr, - sagte Fey, - mein Onkel schrieb, er würde es verkaufen. Aber wenn ich es jetzt so ansehe, da frag ich mich, wer würde ihm das schon abkaufen? Land gibt es hier ohne Ende, wer wird schon diesen Hügel haben wollen, wo
man nicht mal genug Wasser hochgepumpt bekommt...
Sie warf sich auf einen Schaukelstuhl neben einem verstaubten Bücherregal und schaukelte eine Weile. Dann sagte sie: - Ich glaube, ich sollte den Nachbarn Hallo sagen. Sonst glauben sie, jemand wäre hier eingebrochen. - Bist du dir sicher? - Mach dir keine Gedanken deswegen, hier weiß niemand was.
Sie kam zurück mit einem kleinen Eimer Milch in der Hand. - Das ist unser Willkommensgeschenk,- sagte sie. - Die Nachbarn hier sind wirklich nett. Haben mich sofort erkannt, sind fast ohnmächtig geworden. Alte Menschen, sehr sentimental...
Sie öffnete einen kleinen Kasten an der Wand und schloß dort irgendwelche Kabel an. - So, jetzt haben wir Strom, - sagte sie, - Komm, ich führe dich ein wenig herum.
Sie zog ihre Schuhe aus, nahm Hen an der Hand, wie einen kleinen Jungen und führte ihn nach draussen. Im Garten gab es kaum noch begehbare Wege, meistens kämpfte man sich einfach durch das hohe Gras hindurch. Einige Apfelbäume blühten gerade noch zu ende, an den anderen waren bereits kleine grüne Früchte zu sehen. Im Hoff standen leere Kaninchenställe, ein kleines Gehege für Hühner und eine Hundehütte. - Vielleicht holen wir uns von den Nachbarn ein paar Hennen, was meinst du? Dann haben wir jeden Morgen Eier, - sagte Fey. Es war sehr heiß, der schweiß lief Hen in Strömen unter dem Hemd und das Gesicht herunter. Doch Fey schien die Hitze nichts auszumachen, sie sprang mitten in der Sonne herum. - schau mal, - rief sie, - mein Onkel hat wohl im Frühling den Gemüsegarten angelegt! Hier ist Kartoffel, und.. Zwiebeln... Und Zucchini sogar. Alles zwar mit Gras überwuchert, aber etwas kann man noch ernten. Die Zucchinnis sind zu groß und überreif, die kann man nur mit einer Axt zerhacken. Aber man kann sie immer noch essen. Und ich kann neue anpflanzen, sie wachsen sehr schnell. Und da drüben ist Mais! Und der ist gerade richtig zum Kochen! Magst du gekochte Maiskolben?

Die nächsten Tage räumten sie im Häuschen auf, Fey arbeitete gern im Gemüsegarten, sie hatte sich wohl zum Ziel gesetzt, etwas zu ernten und sie schien genau zu wissen, was sie tat. Hen verstand wenig von der „echten“ Gartenarbeit, er konnte nur Hecken schneiden und höchstens mal Tulpen anpflanzen. Sie trugen Wasser in den Eimern aus dem Fluß hoch und sammelten in der Steppe trockenes Kot von den dort weidenden Schafen, um damit einen Ofen im Hof zu heizen und köstliches Fladenbrot zu backen. Sie trugen Feys Großelterns Kleidung aus der großen schweren Kommode und schliefen auf tiefen quietschenden Betten. Fey bekam tatsächlich von den Nachbarn drei Hennen und einen Hahn, der sie morgens weckte. Fey stand immer zuerst auf, Hen hörte, wie sie über den kühlen unebenen Lehmboden barfuß lief und den Wasserkessel aufstellte. Ein merkwürdiges neues Leben fing für ihn an. Fey brachte sogar einen Welpen irgendwo her und setzte ihn an die Kette. Sie nahm ihn mit in die Steppe. Sie nannte ihn Weo.
Abends hatten sie keine besondere Beschäftigung. Einen Fernseher gab es nicht, ein altes Radio knisterte, zischte und knackte, ab und zu gab es Volksmusik und hochoffizielle Nachrichten zu hören. Eines Abends holte Fey zwei alte Lederkoffer, die unter den Betten versteckt lagen – von deren Existens wusste Hen bis dahin gar nicht – in ihnen bewahrte Feys Großmutter die „schönen“ Sachen auf, einst gekaufte und nie benutzte Wäsche, Tücher, Nachthemde und – dicke schwere Fotoalben. Und so verbrachten sie einige Abende damit, diese vorsichtig durchzublättern und sich die alten Fotos anzuschauen. Selbst Fey kannte nur wenige Gesichter, die darauf abgebildet waren.
Einmal fand sie ein recht spätes Foto von sich und sagte: - Das ist wohl das letzte Bild von mir, das meine Oma von meiner Mutter bekommen hat... - Darauf war Fey 15 oder 16, man sah sie im Stadtpark, sie posierte am Baum mit einem Eichhörnchen auf der Schulter, dabei sah sie aus wie ein ziemlicher kleiner Rebell, mit aufgestellten Haaren, in Lederjacke, mit vielen Ketten, Riemen,
Ringen und anderem Schmuck am Hals, Unterarmen, Händen und Ohren... Doch diese Details fand sie gar nicht erwähnenswert, dagegen schwärmte sie von dem kleinen Tierchen. Sie erzählte, das Eichhörnchen war dressiert und hörte auf den Namen Boschi. Der Fotograf rief ihn: Boschi, an die Arbeit! - und es kam von den Bäumen herunter um mit den Kunden zu posieren. Um sie, Fey, mit Boschi zu fotografieren, musste der Fotograf mehrere Versuche unternehmen, weil Fey jedesmal laut lachte, wenn Boschi anfing, aus ihrer Hand zu fressen, und damit das kleine Tier erschrak. Nur mit ganz viel Futter und zureden konnte man den kleinen Kerl wieder herunterlocken, aber immerhin setzte er sich am Ende sogar auf ihre Schulter.
Hen hörte gerne zu, wenn Fey etwas erzählte. Aber noch viel lieber betrachtete er ihr Gesicht, besonders wenn sie schlief, zum Beispiel mittags im Schatten der Bäume, wenn es viel zu heiß war um etwas anderes zu tun... Sie hatte dichte unglaublich lange Wimpern, so lang, dass Wimpernhaare sich untereinander verflochten und kräuselten. Ihr Haar war dick und schwer, und ihre dunkle Haut verriet, dass alle ihre Vorfahren Bauern waren, wahrscheinlich deswegen war sie so glücklich in diesem Niemandsland in dem kleinen schiefen Lehmhäuschen, dachte sich Hen.
Eines Tages hielten sie wie üblich ihr Mittagsnickerchen, als Hen aber aufwachte, war Fey nicht mehr da, stattdessen hörte er eine schimpfende männliche Stimme in der Nähe: - Was machst du bloß hier ganz allein mit diesem Städter? Meinst du, du kannst hier Urlaub machen? Das ist kein Ferienhaus hier! Was hast du dir bloß dabei gedacht?
Feys Onkel war für ein paar Tage zurückgekommen, wollte einige Sachen holen und ahnte nicht, dass seine Nichte hier zu Gast war. Hen war entsetzt darüber wie schlecht Feys Onkel Jun aussah. Als sie sich die Fotos anschauten, sagte Fey, er wäre jetzt 43, doch er erschien viel älter und gebrechlicher, er hatte fast keine Haare und Zähne mehr, sein Gesicht war knochig und faltig, seine Beine krumm und die ganze Figur zum Boden hin gedrückt, als würde er ständig schwere Lasten auf sich tragen. Später fragte Hen Fey, woher das käme. - Von dem Leben hier, - sagte sie, - von der Sonne, dem Wind, der schweren Arbeit, dem schlechten Essen... Er isst doch bestimmt immer nur trockenes Brot und Tee... Meinst du wirklich, es sind alles nur Alte hier? So alt werden die doch gar nicht, wie sie aussehen.
Onkel Jun verschwand bald wieder – jemand aus dem Dorf fuhr in die Stadt mit dem Auto und nahm ihn mit. 
Es gewitterte häufiger, aber es brachte leider nicht mehr Wasser für die Pflanzen. Tagsüber drückte die Hitze alles Lebendige zum Boden. Nachmittags bezog flieder-graue Dunst den Horizont, sie gerann zügig zu bleiernen Wolken, als dann später abends starker Wind aufkam, es
blitzte und donnerte, das Dach ratterte und drohte zu reißen. Aber es vielen nur einzelne Tropfen vom Himmel auf die vor Trockenheit platzende Erde, sie verdunsteten dann auch wieder im Wind.
Manchmal sah man einen dichten Regenvorhang über den Bergen, aber er erreichte nie das durstige Flachland. An solchen Abenden saß Fey im Haus vor der einen Spalt breit geöffneten Tür und beobachtete das Spektakel. Ihr Welpe schlief im Sitzen unter dem Hocker, angelehnt an ihre Waden.
Eines Abends nach einem solchen trockenen staubigen Gewitter ging Fey in den Gemüsegarten um nachzusehen, wie stark die Pflanzen beschädigt waren. Hen blieb im Haus und schaltete das Radio ein – während des Gewitters gab es häufig keinen Empfang, danach ging es wieder... Da gelang es ihm zum ersten Mal einen Sender zu finden, der statt symphonischer oder Volksmusik ausnahmsweise mal Jazz spielte. Hen lächelte zufrieden und kniete vor dem Tisch um den Empfang besser einzustellen, da hörte er draussen ein bekanntes Geräusch: ein Automotor, und zwar ein guter. Im Dorf besaßen nur wenige ein Fahrzeug, es waren alte tausendmal zusammengeflickte
Karossen, Laster oder Traktoren, sie ratterten laut und spuckten Wolken von Ruß und Rauch. Dies schien aber ein moderner leichter, aber starken Wagen zu sein... Im selben Moment rannte Fey ins Haus, riegelte die Tür ab und zerrte Hen in die Ecke hinter dem Küchentisch – die Stelle im Haus, die man von keinem Fenster aus sehen konnte. Kurz darauf sah Hen die Figur eines Mannes vor dem Fenster, er trug ein Jeanshemd und eine Goldkette am Hals. Hen wollte etwas fragen, aber Feyschloß seinen Mund mit der Hand und drückte ihn mit ihrem ganzen Körpergewicht tiefer in die Ecke und der Mann draußen schrie. „FEEEEY!“ Er ging ums Haus, fand die Eingangstür, rüttelte und schrie wieder: „Wieso versteckst du dich? Ich habe dich gesehen! Mach dich nicht lächerlich, komm raus!“ Fey schaute mit weit aufgerissenen Augen Richtung Tür und blieb still. Der Mann trat dagegen. „Verdammt! Ich komme von so weit her, Fey! Ich komme um dich zu holen! Komm zu mir zurück und alles wird gut!“ - er trat nochmal gegen die Tür, aber nicht mehr so stark. „Fey,komm zu mir und dir wird nie etwas zustoßen. Ich vergesse, was mit Chin passiert ist, die Polizei wird sich auch nicht mehr daran erinnern. Komm einfach nur zurück und alles wird wie früher.“ - seine Stimme entfernte sich, kam dann aber wieder näher – er ging wieder ums Haus zurück zu Fenster, beugte sich und schaute durch das schmutzige Fensterglas ins Innere. „Du kennst mich, ich halte meine Versprechen, Fey. Aber du weißt auch, dass ich nicht die Geduld habe, ewig auf dich zuzureden.“ - Er richtete sich wieder auf, zog aus der Hosentasche eine Zigarettenpakung und Feuerzeug und zündete sich eine an. „Ich rauche jetzt eine Fey und warte solange. Wenn du nicht rauskommst, bis ich fertig bin, Fey, ich habe ein volles Ersatzkanister im Auto. Ich schütte es hier vorm Haus aus und zünde es an. Hast du verstanden?“ Er schrie nicht mehr, redete sogar ziemlich leise, aber verstehen konnte man ihn sehr gut. Fey schien zu weinen, ihre Augen glänzten feucht und sie schniefte immer wieder. Hen konnte aber ihr Gesicht wegen der Haare nicht richtig sehen,doch dann drehte sie sich zu ihm und nahm vorsichtig ihre Hand von seinem Mund weg. „Sei jetzt leise!“ - flüsterte sie, - „Beweg dich nicht! Bleib hier.“ Sie stand langsam auf. Hen wollte wieder
etwas sagen, sie erschrak, zischte und drückte ihm wieder den Mund zu. „Sei doch still!! Du bringst uns beide um! Er darf nicht wissen, dass DU hier bist!“ Sie richtete sich auf, machte ein paar Schritte zum Fenster und rief: „Sando! Ich komme raus!“ Der Mann am Fenster drehte sich ein wenig, man konnte die Hand mit der Zigarette sehen, sie war bereits zur Hälfte verbrannt. Fey holte aus der Kommode ihre Handtasche heraus, ging zu der Tür, sperrte auf, ging raus und machte die Tür schnell wieder zu. Der Mann verschwand vom Fenster, Hen hörte seine Stimme: „Ach, meine kleine Fey, wie siehst du denn aus? Wie ein richtiges Dorfmädchen, ein Landei.. Wo sind deine Schuhe? Ach, was solls, wir kaufen dir neue...“ Sie gingen am Fenster vorbei, Hen konnte Fey fast gar nicht mehr sehen, sie war hinter dem Mann und er legte seinen Arm um sie. Nach einer Sekunde
verschwanden sie ganz, Hen hörte, wie die Autotüren knallten, der Motor ansprang und sie wegfuhren. Eine Weile blieb Hen in der Ecke sitzen, hörte das Knacken und Rauschen aus dem Radio und dahinter ganz Leise Jazzmusik. Dann krabbelte er zum Tisch, drehte die Lautstärke auf und legte den Kopf auf die Tischplatte.
Drei Tage später zog er die Kleidung an, in der er hierher kam, gab die Hühner den Nachbarn zurück, nahm den Welpen Weo von der Kette, setzte ihn neben sich ins Auto und fuhr nach Hause.
Zwei Monate später hatte er wieder einen Job – in einem kleinen Unternehmen, das Werbeplakate druckte und Werbeschilder aufstellte oder aufkaufte. Das Büro war ganz in der Nähe seines Hauses, er arbeitete von neun bis fünf, so dass er morgens und abends mit dem Hund spazieren gehen konnte und meistens auch in der Mittagspause kurz nach Hause flitzte um nach den Rechten zu sehen. Der Hund gewöhnte sich daran, zu Hause zu warten, umso mehr genoss er den Spaziergang abends. Aus ihm wurde ein mittelgroßer Rüde mit dickem grau-braunem Fell und kleinen schwarzen Knopfaugen.
Fey sahen die beiden nie wieder. Einer von Hens neuen Kollegen war ein leidenschaftlicher Kartenspieler und Nachtclubbesucher, ein anderer kannte jemanden bei der Polizei, Hen fragte beide nach dem Namen Sando, doch keiner konnte dazu etwas sagen oder herausfinden. Der Name Heo Fey stand auch in keinem Telefonbuch, wobei, dachte Hen, sehr wahrscheinlich, dass sie ihn komplett geändert hat. An den Wochenenden fuhr er in die Vorstadt zu seinem Garten, ließ den Hund dort frei laufen und im wilden Grünzeug spielen. Sonntags blieb er besonders lange dort und fuhr erst Nachts wieder zurück nach Hause.